2.0
Vor zwei Jahren ließ uns Ubisoft in die Rolle des Hackers Aiden Pearce schlüpfen. Der von Rache getriebene Technik-Experte hackte sich damals via Smartphone in die Infrastruktur von Chicago und übernahm dank ctOS gezielt Systeme, die das neuartige Betriebssystem miteinander vernetzte., und nutzte sie zu seinem Vorteil.

Für viele Gamer war die damalige Ankündigung von Watch Dogs eine echte Sensation – gerade auch im Hinblick auf die neue Konsolengeneration und den Möglichkeiten. In den folgenden Monaten stieg das Interesse am Open World Actionspiel rapide an, ebenso aber auch die geschürte Erwartungshaltung, die letztendlich nicht ganz erfüllt werden konnte.

Dennoch schuf Ubisoft eine interessante neue Marke mit reichlich Potential, bei der man sich im Zeitalter von Datenschutz und Privatsphäre auch so manche Gedanken in Bezug auf Sicherheit und Kontrolle macht. Mit Watch Dogs 2 gehen die Entwickler diesen Themen noch stärker nach und machen sie zu ihrem Hauptanliegen. Eine neue Stadt, ein neues ctOS in der Version 2.0 und ein neuer Hacker sind die Zutaten aus Bits und Bytes für ein neues Hacker-Abenteuer, dass wir uns für euch genauer angeschaut haben.

Watch Dogs 2Die Hacktivisten
In Watch Dogs 2 ändert sich mit San Francisco nicht nur der Schauplatz der Handlung, sondern mit Marcus Holloway auch gleich der steuerbare Hauptakteur. Marcus ist ein junger Hacker, der zu Beginn des Spiels von der Hackergruppe Dedsec auf seine Fähigkeiten hin geprüft wird. Dazu soll er sein persönliches Profil von den schwer bewachten Servern bei Blume löschen. Spieler des ersten Teils erinnern sich: Blume ist der Hersteller von ctOS, dem Betriebssystem, welches die digitale Infrastruktur von Chicago als erste Stadt überhaupt miteinander verbindete. In seiner neuen 2.0 Version wird es nun in den gesamten USA eingesetzt, stellt gleichzeitig aber auch ein potentielles Risiko für den Datenschutz dar und ist für Kriminelle geradezu ein gefundenes Fressen. Dagegen will Dedsec vorgehen und Marcus ist ein potentiell neues Mitglied für den Kreuzzug gegen die Ungerechtigkeiten des digitalen Zeitalters. Im folgenden Tutorial machen wir uns mit der grundlegenden Steuerung vertraut und dringen erfolgreich zum Hauptserver vor.

Nach der bestandenen Feuertaufe werden wir bei Dedsec aufgenommen und lernen die Crew kennen, mit der wir künftig zusammenarbeiten. Da gibt es etwa den vorlauten Mechaniker Wrench, der seine Smileycode-Maske immer und überall trägt, um vom System nicht erfasst zu werden, DJ und Punkerbraut Sitara oder das introvertierte autistische Supergenie Josh. Nicht jeder wird die Charaktere mögen, die über die Spielzeit hinweg doch zu klischeehaft und eindimensional gezeichnet sind. Gerade die jüngeren Spieler, auf die die Fortsetzung offenbar abzielt, dürfte die Crew cool und hip finden. Allerdings gehen die Handlungen der rebellischen Hipster nicht immer mit ihren Zielen einher und verkommt oftmals zur reinen Selbstdarstellung.

Watch Dogs 2Mehr Freiheiten
In den falschen Händen ist ctOS 2.0, das System das Massendaten speichert und Sicherheitssysteme im ganzen Land überwacht und vernetzt, eine sehr mächtige Waffe – nicht nur für Cyberkriminelle. Um Hersteller Blume das Handwerk zu legen, die diese Daten selbst unterm Tisch verkaufen, und auf die Gefahr einer solchen Software aufmerksam zu machen, bedarf es einer Menge Follower. Durch den Abschluss der Haupt- und Nebenmissionen sammeln wir neue Follower, ähnlich wie bei Twitter, die uns unserem großen Ziel ein Stück näher bringen. Thematisch beschäftigen sich die Missionen vorwiegend mit dem Missbrauch von Daten über ctOS bzw. die Nutzung der Infrastruktur, um sich zu bereichern oder seinen Zielen ein Stück näher zu kommen. Egal ob manipulierte Wahlen oder der Verkauf von Datensätzen, die Themen haben einen ernsten Hintergrund und die Frage, was Unternehmen und Behörden mit den persönlichen Daten wirklich machen, regt zum nachdenken an.

Die Entscheidung, wie wir die Missionen in Watch Dogs 2 angehen, überlässt das Spiel uns. Natürlich könnten wir mit Waffen aus dem 3D-Drucker losstürmen und wild um uns schießen. Das hat aber fast immer zur Folge, das in den gesicherten Arealen Verstärkung anrückt und uns zusätzliche Kugeln um die Ohren fliegen. Die KI reagiert grundsätzlich aufmerksam und schon wenige Schüsse reichen aus, um Marcus auszuschalten. Die Rampensau zu spielen macht ohnehin weniger Spaß, und entspricht auch gar nicht dem Naturell des Protagonisten. Marcus ist Hacker und kein Soldat. Das sollte er zumindest sein. Zwar schaltet er mit der Elektroschock-Waffe Gegner vorübergehend aus, sein Thunderball Nahkampfangriff ist jedoch tödlich. Das passt so gar nicht in das Bild eines Hackers. Da ist Ubisoft sowie Dedsec wohl der Moralkompass abhanden gekommen. Glaubwürdig ist das auf keinen Fall.

Watch Dogs 2Kommen wir aber lieber auf den Aspekt zu sprechen, der wirklich Spaß macht und den die Entwickler gegenüber dem ersten Teil deutlich verbessert haben: das Hacken. In Watch Dogs 2 werden euch deutlich mehr Spielereien mit dem Smartphone angeboten und das Gefühl, seine Umgebung manipulieren zu können, ist mächtig. Ampeln zu sabotieren oder Dampfleitungen auf der Straße zum bersten bringen, um Verfolger abzuschütteln, kennen wir ja schon und sind auch nach wie vor effektiv. Neuerdings können wir aber auch auch einzelne Fahrzeuge direkt übernehmen. Von der Hebebühne über Gabelstapler bis hin zum Auto oder Bus können wir die Steuerung übernehmen und Fahrzeuge in alle Richtungen lenken. Beispielsweise lassen wir einen Flüchtigen mit seinem Auto in den Gegenverkehr rasen oder an die Hauswand krachen, um ihn zu stoppen. Mit dem Fahrzeug-Hack lassen sich gar auf Knopfdruck alle in der nähe befindlichen Fahrzeuge gleichzeitig manipulieren und sie kreuz und quer durch die Gegend fahren lassen. Damit lassen sich einerseits Verfolger abschütteln, andererseits stellt es eine prima Ablenkung dar.

Vorrangig müssen wir in den Missionen in Bereiche eindringen, die durch verschlossene Türen, Bewegungssensoren und Lichtschranken gesichert und zusätzlich von patrouillierenden Personal überwacht wird. Neuerdings streifen auch Roboter durch Flure und Korridore. Mit den passenden Hacks überwinden wir aber jedes Hindernis. So lassen sich Wachen etwa kurzzeitig ablenken, in dem wir ihre Smartphones klingeln lassen. Roboter deaktivieren wir kurzerhand oder versetzen sie in den Party-Modus mit Musik. Wir können jetzt aber auch einfach die Polizei mit einbeziehen, in dem wir eine Fahndung gezielt auf eine Person ausschreiben. Dazu hacken wir einfach eine falsche Fahndung ins System der Polizei, die dann auch prompt anrückt, um die Zielperson festzunehmen. Später können wir sogar Bandenmitglieder auf Ziele ansetzen. Solche Aktionen enden aber nicht immer friedlich. Oftmals versucht die Zielperson zu flüchten oder eine Schießerei bricht aus. Gerade so mancher Krimineller lässt sich nicht so einfach Handschellen anlegen und abführen.

Watch Dogs 2Besonders viel Spaß bereitete der Einsatz von zwei neuen Hilfsmitteln: der Jumper und der Quadrokopter. Die neuen Spielzeuge bekommen wir recht früh im Spiel in die Hand gedrückt und beide haben sich durchgehend als zuverlässige Helfer erwiesen. Der Quadrokopter etwa diente bei uns regelmäßig als Ersatz für die Überwachungskameras. Die steuerbare Drohne lieferte uns einfach einen viel besseren Überblick über die vor uns liegende Situation. Mit einem Upgrade können wir später gar Sprengsätze oder Elektroshock-Bomben aus der Luft abwerfen und diese dann per Hack fernzünden. Damit lässt sich das Eindringen in gesicherte Gebiete viel effektiver planen und ausführen. Und auch der Jumper erweist sich als nützliches Helferlein, ja, manchmal müssen wir gar nicht selbst das Gebäude betreten, um etwa Daten von einem Laptop zu stehlen. Die kleine Teppichdrohne kann kleine Sprünge machen und passt bequem in Lüftungsschächte, womit wir schnell Zugang erhalten. Auch die oftmals vorhandenen Sicherungskästen, mit denen wir versperrte Türen entriegeln, kann der Jumper dank seines ausfahrbaren Arms problemlos hacken. Auch den Jumper können wir nachrüsten und beispielsweise mit dem Lautsprecher-Upgrade Feinde so lange reizen, bis sie uns folgen.

Gegenüber dem ersten Teil macht das Hacken in Watch Dogs 2 eindeutig mehr Spaß, da einfach mehr Möglichkeiten vorhanden sind. Dank ctOS 2.0 können wir mit einem Blackout ganze Viertel den Saft abdrehen, die Infrastruktur lahmlegen oder die gesamte Kommunikation stören. Auch die Rätsel, in denen wir Leitungen miteinander verbinden müssen, um Server und sonstige Geräte mit Storm zu versorgen, sind wieder vorhanden. Schaut euch dazu beispielsweise einfach mal die Golden Gate Bridge genauer an.

Watch Dogs 2Viel los in San Francisco
Lebendig, bunt und toll anzusehen ist San Francisco. Ubisoft hat mal wieder viel Geschick beim erschaffen einer virtuellen Stadt gezeigt. Die offene Spielwelt fällt mit der Stadt, dem Technik-Mekka Silicon Valley sowie den mit Brücken angrenzende Ortschaften Marin und Oakland sehr umfangreich aus.

Auf den Straßen begegnen wir zahlreichen Passanten, die wir, genau wie im Vorgänger, mit unserem Smartphone durchleuchten können. Dann erfahren wir Name, Alter, Beruf, Einkommen und Dinge, die wir dann eigentlich doch gar nicht so genau wissen wollen. Per Knopfdruck können wir einigen ein wenig Geld aus der Tasche ziehen und auf unser Konto wandern lassen, lesen ihre E-Mails oder lauschen Telefonate mit. Generell wirkt die Welt gegenüber dem ersten Teil lebendiger. Die Animationen sind vielschichtiger geworden, Passanten unterhalten sich und treffen sich gar zufällig nach Jahren wieder. Hunde spielen miteinander im Park und am Strand finden Partys statt. In Geschäften können wir neue Klamotten kaufen, an der Ecke einen Kaffee oder ein Bier an der Bar.

Insgesamt ist die Welt sehr ansprechend, die Texturen scharf und auch das dynamische Wetter, das mal Sonne, mal Regen an den Himmel zaubert, sehr stimmig inszeniert.

watch-dogs2-08-12-2016-01Abseits vom ganzen Hacker-Alltag können wir beim Autohändler neue Fahrzeuge erwerben, die man uns dann per Knopfdruck zu jederzeit an Ort und Stelle liefert. Mit der App Scout X können wir echte Sehenswürdigkeiten der Stadt besuchen und mit einem Selfie für immer festhalten. Weitere Follower winken bei Rennen mit dem eKart, Quadrokopter oder Motocross-Bike. Mit dem Driver San Francisco Fahrdienst befördern wir außerdem Gäste von A nach B, müssen uns aber darauf einstellen, dass das den örtlichen Taxi-Unternehmen gar nicht schmeckt und uns die Russen (GTA IV lässt grüßen) ans Leder wollen.

Auch einen Online-Part gibt es wieder in Watch Dogs 2. Je nach Einstellungen dringen Hacker in eure Kampagne bzw. Einzelspiel ein und versuchen euch zu hacken. Werdet ihr dagegen von Behörden oder einer anderen Fraktion gejagt, können Spieler als Jäger eurem Spiel beitreten und dabei helfen, euch auszuschalten.

Ihr könnt aber auch einem Freund beitreten und entweder im Freien Modus Schabernack treiben oder spezielle Online-Herausforderungen spielen, bei denen ihr gemeinsam Missionen spielt und in gesicherte Bereiche vordringt, um etwa Datensätze zu stehlen.

watch-dogs2-08-12-2016-02Fazit
Watch Dogs 2 ist eine konsequente Weiterentwicklung des Erstlings, der einem mit mehr Technik-Spielereien das Gefühl gibt, ein Hacker zu sein. Wir manipulieren unsere Umgebung mit nur einem Knopfdruck und lassen ein dutzend Fahrzeuge gleichzeitig durchdrehen, knipsen ganzen Bezirken den Strom ab, stören die Kommunikation um uns herum oder senden falsche Fahndungen auf Zielpersonen aus, um uns Gegner aus dem Weg zu schaffen. San Francisco ist schon ein toller Spielplatz, der zudem noch sehr gut umgesetzt wurde und lebendig ist.

Die Rahmenhandlung ist grundsätzlich solide, beschäftigt sich logischerweise mit dem Thema Datenschutz und Missbrauch (durch Dritte) und die aufeinander aufbauenden, mehrstufigen Missionen machen richtig viel Spaß. Nicht nur wegen der Spielereien, sondern weil uns mehrere Lösungsansätze und Vorgehensweisen zur Auswahl stehen, sofern wir die Gebiete vorab genauer in Augenschein nehmen.

Unsere Dedsec-Kollegen im Hackerspace hingegen sind uns zu klischeehaft und eindimensional ausgefallen. Da hätte man sicher interessantere Charaktere schaffen können, die weniger schrill und bunt daherkommen. Zudem muss Ubisoft noch an der Fahrzeug-Steuerung arbeiten, die fällt teilweise zu empfindlich bzw. schwammig aus.

Watch Dogs 2 Test
lebendiges und detailliertes San Franciscosolide RahmenhandlungFreiheiten in Missiongute Deckungsfunktionfaire Checkpointsneue Hacker-Fähigkeiten bieten mehr MöglichkeitenQuadrokopter und Jumper als nützliche Gadgetsaufmerksame KIRadio-Stationen nach Genre mit lizensierten Songsgute deutsche Sprachausgabedynamisches Wetterzusätzliche Nebenaufgaben wie Rennen, Fahrdienst etc.
klischeehafte CharaktereStory und Antrieb der Figuren deckt sich nicht mit ihren Handlungenschwammige FahrphysikOnline-Funktionen anfangs nicht immer verfügbar
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